Münchner Biergeschichte seit 1880
Erbaut 1880.
Wiederauferstanden heute.
Am Rosenheimer Berg begann die Geschichte der Münchner Kindl Brauerei. Mehr als ein Jahrhundert später führen Dietrich Sailer und seine Söhne Leo und Luis eine historische Münchner Brauidentität in eine neue Zeit. Nicht als bloße Erinnerung – sondern mit einer neuen Braustätte in München. [1]
Wo alles begann
Die „Brauerei zum Münchner Kindl“ wurde 1880 am Rosenheimer Berg gegründet. Die Lage im heutigen Au-Haidhausen hatte einen handfesten Vorteil: Bierkeller konnten in den Hang gebaut werden und boten die kühlen Bedingungen, die für Lagerung und Reifung des Bieres entscheidend waren. [1]
Die Geschichte des Standorts ist noch älter. Als Vorläufer gilt der Singlspielerbräu aus der Sendlinger Straße. Historische Darstellungen berichten, dass dessen Braubetrieb schon vor der Gründung des Münchner Kindl an den Bereich Hochstraße und Rosenheimer Straße verlegt worden war. Das klar belegte Gründungsjahr der Münchner Kindl-Brauerei AG bleibt jedoch 1880. [2] [3]
Am Rosenheimer Berg wurde aus Münchner Boden, kühlen Kellern und Brauhandwerk ein Name, der weit über den eigentlichen Braubetrieb hinaus Teil der Stadtgeschichte wurde.
Vom Bierkeller zum Münchner Bierpalast
Schon 1883 entstand ein großer Festsaal mit Platz für rund 5.000 Menschen. Der Münchner Kindl-Keller entwickelte sich zu einem der bedeutenden Münchner Bierpaläste seiner Epoche. [4]
Zwischen 1898 und 1900 erhielt der Komplex eine weitere architektonische Dimension. Friedrich von Thiersch, einer der bedeutenden Münchner Architekten seiner Zeit, plante Erweiterungsbauten für den Münchner-Kindl-Keller. Originale Grundrisse, Gartenhallen- und Konstruktionszeichnungen werden heute im Architekturmuseum der Technischen Universität München bewahrt. [5]
Die Schützenliesl wird zur Markenfigur
Seit 1882 ist die Schützenliesl als Signet der Münchner Kindl Brauerei dokumentiert. Modell für die populäre Figur stand Coletta Möritz. Das Motiv wurde zu einem wichtigen Teil der historischen Wiedererkennbarkeit der Brauerei. [6]
Gleichzeitig gehörte das Münchner Kindl längst zur Bildwelt der Stadt. Aus dem Mönch des Stadtwappens entwickelte sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert die vertraute Kindl-Figur; in populären Darstellungen wurde das Buch immer wieder durch einen Bierkrug ersetzt. [7]
Joseph Schülein und die große zweite Epoche
Zum Jahreswechsel 1905 fusionierte die Münchner Kindl-Brauerei AG mit Joseph Schüleins Unionsbrauerei. Zunächst bestanden beide Marken nebeneinander; später wurde der Name Münchner-Kindl-Bräu für das vereinigte Unternehmen weitergeführt. [2]
Unter Schülein entwickelte sich der Betrieb zu einer der großen Münchner Brauereien. 1911 wurden mehr als 320.000 Hektoliter Bier produziert – damit gehörte der Betrieb zu den fünf größten Münchner Braustätten. [2]
Auch sozial spielte der Kindl-Keller eine Rolle. Ida Schülein organisierte während des Ersten Weltkriegs in den großen Räumen eine kostenlose Armenspeisung, bei der täglich Hunderte Portionen ausgegeben wurden. [8]
Als die Sudkessel verstummten
Am 5. Januar 1921 folgte die Verbindung mit Löwenbräu. Die eigenständigen Braubetriebe der Unions- und Münchner-Kindl-Brauereien wurden eingestellt und die Produktion im größeren Löwenbräu-Komplex konzentriert. [2]
Der Münchner Kindl-Keller lebte zunächst weiter. 1923 endete der klassische Großgaststättenbetrieb. Der Gebäudekomplex wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt, aber nicht vollständig zerstört. Erst 1969 wurden die verbliebenen Bauten abgerissen. [4]
Am 20. Juli 1971 wurde auf dem Areal der Grundstein für das Motorama gelegt, damals als Auto- und Einkaufszentrum konzipiert. Damit war das alte Münchner Kindl aus dem Stadtbild verschwunden – nicht aber aus Münchens Biergeschichte. [4]
Die Erinnerung blieb
Historische Krüge, Plakate, Speisekarten und Bauzeichnungen überdauerten den alten Betrieb. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist Ludwig Hohlweins „VIVATOR“-Plakat von 1912, das heute zur Sammlung Reklamekunst des Münchner Stadtmuseums gehört. [9]
Eine alte Münchner Marke trifft auf eine neue Brauerfamilie
Mehr als ein Jahrhundert nach dem Ende der selbstständigen Münchner Kindl Brauerei griff Dietrich Sailer die Geschichte wieder auf. Sailer stammt selbst aus einer Familie mit mehreren Generationen Brautradition. Seine Söhne Leo und Luis stehen für die sechste Brauergeneration der Familie Sailer; Luis ist Braumeister, Leo bringt einen juristischen Hintergrund ein. [10]
2016 war die Wiederbelebung öffentlich: Dietrich Sailer hatte die Markenposition übernommen und kündigte an, in München wieder Münchner-Kindl-Bier brauen zu wollen. [6] [11]
2020: Das Münchner Kindl wird wieder eingeschenkt
Im Dezember 2020 erschien mit dem Vivator Doppelbock Dunkel erstmals seit rund 115 Jahren wieder ein Bier unter der Münchner-Kindl-Marke. Der Sud entstand nach den Vorstellungen von Dietrich und Luis Sailer zunächst in der Haderner Bio Brauerei. [12]
Der Name „Vivator“ schlug dabei eine sichtbare Brücke zur historischen Brauerei: Bereits 1912 hatte Ludwig Hohlwein ein Vivator-Werbeplakat für die Münchener Kindl Brauerei gestaltet. [9]
2022: Aus der Marke wird wieder eine Braustätte
Die Familie entschied sich nicht für einen reinen Marken-Relaunch. An der Tegernseer Landstraße 337 sollte wieder eine tatsächliche Münchner Brauerei entstehen. Das Grundstück war zuvor Standort einer Tankstelle der amerikanischen Streitkräfte. [13]
Am 12. August 2022 wurde der Grundstein gelegt. Begleitet wurde dieser Schritt von Menschen aus Münchner Brauwirtschaft, Gastronomie, Kultur und Stadtgesellschaft. Luitpold Prinz von Bayern und Didi Schweiger vollzogen den symbolischen Akt; zu den Gästen gehörten unter anderem Bürgermeisterin Verena Dietl, Wiggerl Hagn, Sepp Krätz, Steffen Marx vom Giesinger Bräu und der damalige US-Generalkonsul Timothy Liston. [13]
Wieder tief in Münchner Boden
Anfang 2025 erreichte die Wiederbelebung einen besonderen technischen Meilenstein: Der eigene Brauereibrunnen wurde bis auf 250 Meter Tiefe gebohrt. Die wasserführenden Schichten lagen tiefer als zunächst erwartet. [14]
Das ist für die Herkunftsidee von Münchener Bier von besonderer Bedeutung. Die europäische Produktspezifikation der geschützten geografischen Angabe beschreibt Münchener Bier als Bier aus dem Stadtgebiet München und legt für das Brauwasser eigene Tiefbrunnen innerhalb des Stadtgebiets fest, die den Grundwasserleiter der tertiären Molasse erschließen. Die Spezifikation nennt Tiefen von ungefähr 140 bis 250 Metern. [15]
1880 grub man in den Rosenheimer Berg, damit das Bier kühl blieb. Heute reicht ein neuer Brunnen 250 Meter in Münchner Boden. Zwei Epochen, zwei technische Aufgaben – aber dieselbe Verbindung von Bier und Ort.
Wiederauferstanden heute
Heute existiert das Münchner Kindl wieder als Marke, Bier, Familienprojekt und reale Braustätte in München. Die offizielle Brauerei bietet derzeit „Bier & Baustelle“-Führungen an und lässt dort die ersten beiden Sude des Münchner Kindl Hell verkosten. [16]
Eine vollständige reguläre Eröffnung des Gesamtbetriebs ist zum Stand 12. August 2026 in den aktuell auffindbaren offiziellen Quellen noch nicht mit einem belastbaren Termin veröffentlicht. Deshalb endet diese Geschichte bewusst nicht mit einem erfundenen Datum.
Sie endet dort, wo das nächste Kapitel beginnt: bei Dietrich, Leo und Luis Sailer – einer Familie mit eigener Brautradition, die aus einem historischen Münchner Namen wieder einen wirklichen Münchner Brauereistandort macht. [1]
Nicht dieselbe Familie. Nicht dasselbe Gebäude.
Aber wieder dieselbe Idee: Bier, das seinen Ort München ernst nimmt.
Die Geschichte in Daten
- 1880 Gründung der Münchner Kindl Brauerei am Rosenheimer Berg.
- 1882 Die Schützenliesl ist als Signet der Brauerei dokumentiert.
- 1883 Der große Festsaal mit rund 5.000 Plätzen entsteht.
- 1898–1900 Friedrich von Thiersch plant Erweiterungen des Kindl-Kellers.
- 1905 Fusion mit Joseph Schüleins Unionsbrauerei.
- 1911 Mehr als 320.000 Hektoliter Jahresproduktion.
- 1921 Verbindung mit Löwenbräu; eigenständiger Braubetrieb endet.
- 1923 Ende des klassischen Großgaststättenbetriebs.
- 1969 Abriss des historischen Münchner Kindl-Komplexes.
- 1971 Grundsteinlegung des Motorama.
- 2015/16 Beginn der modernen Wiederbelebung durch Dietrich Sailer.
- 2020 Der Vivator bringt Münchner Kindl wieder ins Glas.
- 2022 Grundsteinlegung der neuen Münchner Brauerei.
- 2025 Der neue Tiefbrunnen erreicht 250 Meter.
- 2026 Erste Münchner Kindl Hell-Sude und „Bier & Baustelle“.